Hormone und Vaskulitis

Da anscheinend zumindest die Mehrzahl der Patienten mit Polymyalgia rheumatica (PMR) und Arteriitis temporalis (AT) weiblich und fortgeschrittenen Alters sind, liegt die Frage nach dem Einfluss geschlechtsspezifischer Hormone nahe. Interessanterweise zeigte eine Studie, dass Patientinnen mit AT/PMR eine geringere Anzahl an Schwangerschaften aufwiesen als die gesunde Kontrollgruppe. Neuere Arbeiten konnten diesen Unterschied dagegen nicht bestätigen. Weder das Alter bei der Menarche, noch die Anzahl der Geburten, die Verwendung von Kontrazeptiva oder der Einsatz von Hormon-Ersatztherapien unterschied sich zwischen Patientinnen mit AT/PMR und den Kontrollen. Dagegen zeigte sich jedoch wiederholt, dass Patientinnen mit AT/PMR häufiger rauchten, länger gestillt haben und einen durchschnittlich geringeren Body-Mass-Index hatten. Zudem trat die Menopause signifikant früher bei den Patientinnen ein als im Vergleich zu der Kontrollgruppe.



Diesbezüglich ist bekannt, dass Östrogene einen protektiven Effekt auf die Gefäßstruktur ausüben, vor allem vermittelt durch einen hemmenden Einfluss auf das Wachstum der glatten Gefäßmuskulatur. Generell wird aber auch bei vielen anderen autoimmunen Erkrankungen immer wieder der direkte Einfluss der Östrogene auf das Immunsystem beobachtet. Eine Hypothese ist, dass die Östrogene durch Störung des Regelkreises der Nebenniere initiale Entzündungsprozesse indirekt unterstützt.



Neben dem offensichtlich erhöhten weiblichen Erkrankungsrisiko stellt sich zudem die Frage, ob sich  der Krankheitsverlauf zwischen den Geschlechtern unterscheidet. Anhand der Literatur scheint es sowohl für die AT keinen geschlechtsspezifischen Krankheitsverlauf zu geben. Eine Arbeit aus dem Jahre 2005 zeigte für die AT, dass sowohl die klinische Erstsymptomatik, das Risiko für schwere Durchblutungsstörungen als auch die übrigen klinischen und laborchemischen Parameter sich nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden. Für die PMR konnte dagegen gezeigt werden, dass Frauen signifikant häufiger einen ausgeprägten Gewichtsverlust bei Erstmanifestation berichteten und einen niedrigeren Hämoglobingehalt aufwiesen. Auch in Bezug auf den Krankheitsverlauf hatten Frauen mit einer PMR eine höhere Gesamt-Steroiddosis, eine höhere Anzahl von Rückfällen und deutlich mehr kortisonbedingte Nebenwirkungen. Diesbezüglich ist von besonderem Interesse, dass in einer bevölkerungsbasierten Kohorten-Studie in Olmstedt County, auffiel, dass Frauen anscheinend deutlich später zu einem Rheumatologen überwiesen wurden, als männliche Patienten mit einer AT. Über 63 % der Männer sahen einen Rheumatologen innerhalb der ersten 2 Monate nach Auftreten der Erstsymptome, dagegen weniger als 50 % der Frauen. Dieser Unterschied ist von entscheidender Bedeutung, da das offensichtlich erhöhte Osteoporoserisiko den älteren Patientinnen schon frühzeitig bei der Therapie berücksichtigt werden sollte. Auch wenn hierzu keine eigenen Studiendaten vorliegen, so sollte in der Praxis vor allem bei postmenopausalen Patientinnen frühzeitig an die Einleitung einer kortisoneinsparenden Therapie wie z.B. Methotrexat gedacht werden.